oTp hat geschrieben: ↑Fr 3. Jul 2026, 04:37
Kannst du denn zeigen, in welchen Fällen Jesus etwas behandelt, was du als Besessenheit einordnest?
Ich kann aus dem Text nur ermitteln, wann Jesus Dämonen bzw. unreine/böse vertreibt (rauswirft) und so wahrscheinlich den Zustand der "Dämonisierung" aufhebt. Das griechische daimonzimai bedeutet nicht wörtlich "besessen". "Besessen" legt eine bestimmte ontologische Interpretation nahe, die im griechischen Verb selbst nicht ausdrücklich enthalten ist.
Im Bezug auf den Dämon Legion gibt es bei der Erzählung von Markus und Lukas einen auffälligen Unterschied, der in den Übersetzungen verschwindet. Nachdem der Dämon Legion vertrieben wurde, nennt Markus 5,15-16 den Menschen immer noch den "Dämonisierten"(δαιμονιζόμενον - Partizip Präsens). Bei Lukas 8,36 wird ausgedrückt, dass er -früher "dämonisiert"- (δαιμονισθείς - Partizip Aorist) war.
Das kann Zweierlei bedeuten:
1. Wir entscheiden uns für eine der beiden Gewichtungen, dann würde die Entscheidung für Markus die Konsequenz haben, dass die "Dämonisierung" nach der Vertreibung der Legion immer noch vorhanden ist. Die Entscheidung für Lukas würde dann aus meiner Sicht zu keinem weiteren exegetischen Problem führen.
2. Markus benutzt die Bezeichnung nur als eine Art Identitätsmarker ohne damit im Widerspruch zu Lukas zu geraten. Dann ließe die narrative Verwendung des Partizips aber Raum für unterschiedliche ontologische Deutungen. Dass muss aber keineswegs die Intention von Markus gewesen sein, denn die grammatische Identifizierung einer Person ist noch keine metaphysische Definition ihres Zustandes. Allerdings schätze ich den historischen Einfluss speziell von Markus 5,15-16 als einen markanten Wegbereiter für spätere Ontologien doch eher sehr gering ein.