Larson hat geschrieben: ↑Fr 5. Jun 2026, 15:24
Ich verstehe nicht ganz, weshalb man das weltliche Denken, weltliche Meinung in das jüdische hineinpressen will.
Du stellst ein weltliches und ein jüdisches Denken gegenüber. Ob das angebracht ist, halte ich zumindest nicht für offensichtlich. Jüdisches Denken gibt es in der Thora, wenn überhaupt, nur unter dem Vorbehalt, dass die Thora ab der Zeit enstanden ist, als die Israeliten dann zu Juden wurden. Mose war kein Jude. Ein aus dem ägyptischen Exil geflohenes Israel unterschied sich zwar von den Ägyptern, war aber deswegen sicher nicht mehr jüdisch als weltlich. Die Israeliten im Exil brachten eine mesopotamische Prägung mit und wurden dann in Ägypten auch ägyptisch sozialisiert, auch wenn sie nicht vollständig assimiliert wurden. Das wollten die späteren Pharaonen ja auch gar nicht. Diesen wollten für Israel eine Ghettoisierung.
Larson hat geschrieben: ↑Fr 5. Jun 2026, 15:24Denn die Tradition im Judentum zeigt doch, wie sie dies praktizierten.
Nein, das ist ein Anachronismus.
Larson hat geschrieben: ↑Fr 5. Jun 2026, 15:24Die Torah will auch nicht für jedes Detail eine Anleitung geben. Gott gab dem Menschen ja auch noch ein bisschen „Verstand“.
Die Thora ist auch auf keinen Fall in alle Zeiten und in alle gesellschaftliche Verhältnisse übertragbar. Sie galt genau den Menschen, denen sie gegeben wurde. Zudem werden in der Thora aber nur die "einfachen" Fälle behandelt. Nicht die wirkllich komplizierten. Dachte Gott selbst nicht kompliziert genug, oder war das für die damaligen Menschen unter den damaligen Umständen gar nicht nötig?
Larson hat geschrieben: ↑Fr 5. Jun 2026, 15:24Und wie im Beispiel im Link aufgezeigt wird, ist „Auge um Auge“ nicht anwendbar, wenn z.B. ein Blinder einem anderen das Auge ausschlägt, beschädigt. Was dann?
Das ist ja genau die Frage, die der Artikel hinterlässt und damit implizit auf eine jüdische Tradition verweist, aber das Problem nicht am Bibeltext selbst klärt.
Larson hat geschrieben: ↑Fr 5. Jun 2026, 15:24
Vom Prinzip her verbieten die Torah Rache, denn es soll ein Rechtssystem sein, worauf auch jener Text in 3.Mo 24 hinweist.
Das sehe ich auch ähnlich, aber ich schlussfolger das anders. Rache und Vergelten wird in der Thora implizit problematisiert, aber explizit geht sie mit solchen Fällen um. Man darf nur nicht fälschlich rückschließen, dass aus einem Sein (Rache und Vergeltung treten auf), auch ein Sollen (Rache und Vegeltung sind gut und richtig) folgt.
Larson hat geschrieben: ↑Fr 5. Jun 2026, 15:24
Das musste nicht „weiter entwickelt“ werden, es war doch schon von Beginn an so definiert, denn man besass die „ganze“ Torah, nicht nur jenes Bruchstück „Auge für Auge“
NIcht nur die Thora, auch spätere kanonische Schriften. Der Hinweis auf Sprüche 24,29 ist sehr wichtig. Hier wird eine Erkenntnis vermittelt, die aus der Thora folgen soll. Eine Erkenntnis, die das frisch aus Ägypten geflohene Israel wohl kaum schon hatte. Nur wird diese Erkenntnis nicht explizit mit „Auge um Auge“ ausgedrückt, sondern sie erfolgt daraus, dass „Auge um Auge“ praktisch konsequent umzusetzen, doch mehr Probleme aufwirft, als damit gelöst würde.
Larson hat geschrieben: ↑Fr 5. Jun 2026, 15:24
Und eine andere These beweist mitnichten, dass dem je anders gewesen sein muss, und es nun quasi eine Weiterentwicklung sei.
Bewiesen werden kann gar nichts.
Larson hat geschrieben: ↑Fr 5. Jun 2026, 15:24Die „Basis“ ist ja schon in 2.Mo 21, wo dann sogar steht: „du sollst geben…“, und im Kontext von erstatten die Rede ist, wie auch dann in 3.Mo 24, 18.21.
Da vermischst du aber verschiedene Kontexte und mit dem Erstatten wird auch kein Problem gelöst, sondern ein noch viel größeres aufgemacht.
Eine verallgemeinerte Erstattungslogik setzt nämlich voraus, dass ein Täter erstattungsfähig ist. Wenn er das gar nicht ist, müsste er sich verschulden. An anderen Stellen der Thora wird darauf verwiesen, dass ein Schuldner nicht in den Ruin gestürzt werden darf (2. Mose 5. Mose 24,6 + 12-13). Nur muss auch dazu gesagt werden, dass es hier um Eigentumsdelikte geht, nicht um Klörperverletzungen.
Letztlich bleibt die Möglichkeit offen, dass ein Opfer auf seinem Schaden sitzen bleibt und sowohl Täter als auch Opfer gleichermaßen in das auf niedrigstem Niveau gestaltete Soziale Auffangnetz des Armensrechts fällt. Es gibt kein Recht auf Wohlstand, weder gegenüber Gott noch gegenüber anderen Menschen. Und das sieht man dann letztlich auch bei Hiob. Hiob war ein Opfer ohne, dass Täter ermittelt wurden. Juristisch gesehen blieb er auf seinem Schaden sitzen und er ist in den Status "homo sacer" zurückgefallen. Er ist Verlauf hat Hiob dann erkannt, was es bedeutet, sein nacktes Leben in die Hände Gottes zu legen und bekam dann gnädigerweise alles vielfach erstattet.
Nur nebenbei bemerkt an alle die nicht Larson sind. Jesus deutet die "Ius Talionis" der Thora nicht um, wie die rabbinische und talmudische Tradition, sondern in Matthäus 5 interpretiert er sie so knallhart, wie sie da steht. Stattdessen entwickelt er ein Gegenkonzept dazu.