Hallo Rilke,
da deine Antworten eigentlich Helmuth galten, gehe ich einfach mal davon aus, dass du nichts dagegen hast, wenn ich mich hier kurz einklinke und auch meine Gedanken dazu beitrage.
Rilke hat geschrieben:Aber ich gebe dir ein Beispiel. A und B lesen die Schrift. A schließt daraus, dass Jesus ein von Gott gesandter Mensch ist, und B wiederum, dass Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch ist.
Die Antwort gibst du dir im Grunde schon selbst mit den Worten: „A schließt daraus…“ und „B wiederum…“. Was du hier beschreibst, ist kein göttliches Wirken, sondern ein rein menschlicher Vorgang.
Das Lesen und Auslegen der Schrift ist und bleibt immer ein Akt des persönlichen Verständnisses.
Rilke hat geschrieben:Beide meinen, in ihrem persönlichen Glauben durch eine Bekräftigung des Heiligen Geistes bestätigt zu sein.
Beide irren sich, denn
subjektive Gewissheit ist kein Beweis für Wahrheit. Ein Glaube und das Gefühl von Rechtzuhaben entwickeln sich nun mal zwischen den eigenen Ohren. Jemand, der felsenfest an eine flache Erde glaubt, ist sich psychologisch auch absolut sicher, die Wahrheit besser als alle anderen verstanden zu haben. Er würde genauso behaupten, er spüre die „Bekräftigung des Heiligen Geistes“.
Gefühle sind aber keine Fakten.
Rilke hat geschrieben:A und B beantworten die zentrale Glaubensfrage: 'Wer ist der, an den ich glaube und dem ich mein Leben übergebe?' nicht nur unterschiedlich, sondern widersprüchlich. Beide können jedoch sagen, dass sie die Schrift gelesen, um die Leitung des Heiligen Geistes gebetet und ihr Gewissen geprüft haben.
Das hat keinerlei Aussagekraft. Die Bibel ist kein Arithmetik-Buch, aus dem eine einfache, mathematische Wahrheit wie 5x2=10 hervorgeht. Sie ist ein hochkomplexes Buch der Ideen, Weltanschauungen, Gleichnisse und des lebendigen Wortes. Weil sie so vielschichtig ist,
muss sie interpretiert werden.Und, eine Interpretation kommt immer vom eigenen ich...
Rilke hat geschrieben:Die Frage beinhaltet aber keine nebensächlichen Lehrsätze, sondern den zentralen Punkt des Glaubens selbst: Wer ist Jesus?
Ja, absolut.
Rilke hat geschrieben:Deswegen stimme ich dir zwar zu, dass der Heilige Geist uns persönlich korrigiert, wie du das beim Ehebruch Beispiel gut gezeigt und erklärt hast.
Hier müssen wir ansetzen: Wer das Richtige tun will, muss nicht erst mystisch von oben korrigiert werden. Ein Gebot wie „Du sollst nicht ehebrechen“ steht unmissverständlich geschrieben. Entweder man hat den Willen, sich daran zu halten, oder eben nicht. Wenn der persönliche Wille zur Umkehr fehlt, nützt auch der Heilige Geist nichts. Es ist eine Frage der menschlichen Eigenverantwortung, nicht einer magischen Intervention.
Rilke hat geschrieben:Aber ich würde hinzufügen, dass es für verbindliche Glaubensfragen auch eine verbindliche Bezeugung der Wahrheit geben muss.
Selbst wenn es so eine äußere, verbindliche Instanz gäbe: Das letzte Wort und die finale Verantwortung
liegen immer beim Individuum selbst. Jeder Mensch muss für sein eigenes Leben und seinen Glauben geradestehen. Das bedeutet, man muss diese angebliche „verbindliche Bezeugung“ im eigenen Verstand erst einmal persönlich auf „
Grün“ setzen, indem man sie prüft. Und diese Prüfung darf nicht auf Bauchgefühlen basieren, sondern auf der Frage: Stimmt diese Bezeugung mit der eigentlichen Quelle der Wahrheit – der Bibel als Ganzes – überein?
Rilke hat geschrieben:Also meine Frage wäre: Leitet der Heilige Geist die Erkenntnis von A und/oder B in ihrem Glauben, wer Jesus ist, also kommt es hier zu einer persönlichen Korrektur des Heiligen Geistes?
Wenn der Heilige Geist die Erkenntnis der Menschen unabhängig von ihrem eigenen Willen und ihrer Voreingenommenheit steuern würde, dann müssten logischerweise alle Menschen auf der Erde dieselbe Wahrheit erkennen und wahre Christen sein. Tun sie aber nicht. Deine Frage lenkt vom eigentlichen Kern ab. Die entscheidende Frage ist nicht, was A und B fühlen oder wer angeblich geleitet wird.
Die Frage ist: Wessen Meinung wird durch den biblischen Gesamttext in sich widerspruchsfrei beglaubigt? Und da gibt es formal und logisch nur drei Optionen:
1. A denkt richtig und interpretiert den Gesamttext korrekt.
2. B denkt richtig und interpretiert den Gesamttext korrekt.
3. Keiner von beiden hat recht, weil beide den Text falsch auslegen.